Stufe 2: Artikulation und das Handgelenk

Artikulation und das Handgelenk

In Band 2 wird die Artikulation als eines der Hauptunterrichtselemente zum ersten Mal vorgestellt Zunächst geht es nur um legato und staccato. Diese Begriffe sind für uns Klavierpädagogen so geläufig, dass wir leicht übersehen, wie immens wichtig diese zwei verschiedenen Spielarten für die Entwicklung von Technik und musikalischem Ausdruck sind.

Vielleicht haben Sie schon bemerkt, dass es in den Büchern der Stufe 1 keine Artikulationszeichen gibt – weder Legatobögen noch Staccatopunkte. Der Grund für ein späteres Einführen des legato liegt darin, dass zunächst ein Minimum an Fingerunabhängigkeit entwickelt werden muss, bevor ein Verbinden der Töne verlangt werden kann. Wenn die Fingermuskeln der kleinen Schüler noch schwach sind, kann ein erzwungenes Legato-Spiel Spannungen und Schmerzen in der Hand verursachen. Das passiert gerne dann, wenn Druck gegen die Tastatur fortbestehend ausgeübt wird. Das Niederdrücken einer Taste sollte in den meisten Fällen von einer sofortigen Entspannungsphase gefolgt sein, in der nur eine ausreichende Balance von Hand und Arm beibehalten wird.

Manchmal hört man, dass Schüler der Stufe 2 alle Töne getrennt spielen, wobei sie jeden Ton mit einem Handgelenksschwung erzeugen. Auch wenn er später nur in kleinstem Umfang Teil des Spiels sein sollte, gewährt dieser Schwung die gewünschte Entspannung zwischen den Tönen und ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum entspannten Spiel – traniert sogar nicht nur das Rhythmusgefühl, sondern auch die richtige Koordination aller Arm- und Handbewegungen.

Handgelenks-Gesten

Was bedeutet es, legato zu spielen? Mit legato bezeichnet man eine verbundene Spielweise, aber noch wichtiger ist: hier geht es um das Spielen mehrerer Töne durch einer einzigen Spielbewegung (Geste). Eine Phrase wird mit dem Fallenlassen des Armes begonnen, der anschließend das Gewicht von Finger zu Finger weiter gibt.

In den Piano Adventures® werden die einzelnen Elemente des Legatospiels isoliert betrachtet und im Gewande von „Technik-Geheimnissen“ auf fast allen Stufen in den Technik- und Vortragsheften verteilt.

  • Die Höhe des Handgelenks: Auf dieses Element wird mit der „Daumenhocke“ eingegangen (Vorübung zum 5. „Technik-Geheimnis“ im Technik- und Vortragsheft 1). Die Maßnahme, den Daumen mit der seitlichen Spitze auf der Taste auf zu setzen anstelle ihn horizontal auf die Taste zu legen, wirkt Wunder und verhindert ein Einsinken des Handgelenks, welches auf dieser Stufe so häufig auftritt.

    (Technik- & Vortragsheft 1, S. 7)

  • Die Bewegungsspanne des Handgelenks: Im zweiten „Technik-Geheimnis“ auf Stufe 2 geht es um ein entspanntes Handgelenk. Die Übung „Luftballon am Handgelenk“ führt ein in die vertikale Bewegungsspanne des Handgelenks. Der Schüler legt beide Hände auf den geschlossenen Klavierdeckel und stellt sich vor, an seinen Handgelenken befestigte Luftballons würden jene langsam nach oben ziehen, bis nur noch der 3. Finger mit der Fingerspitze den Deckel berührt. Diese Übung hilft, die Phrasen-Abschlussgeste zu entwickeln und verhindert gleichzeitig ein festes, verspanntes Handgelenk.

(Technik- & Vortragsheft 2, S. 4)

 

  • Der Handgelenksschwung: Auf Stufe 3 wird die Übung „Luftballon am Handgelenk“ noch einmal aufgegriffen unter dem Aspekt „Fahrt mit dem Heißluftballon“. Der Schüler schwingt graziös Bögen über die gesamte Tastatur. Diese Übung trägt zur Entwicklung der Beherrschung der Tastatur durch großzügige und graziöse Oktavlagenwechsel bei.
  • Die Phrasierungs-Geste: Auf Stufe 4 wird nochmals auf die Handgelenksbewegungen eingegangen. Die Phrasierungs-Geste findet sich wieder im „Technik-Geheimnis“ Nr. 2. Dabei geht es um das Fallenlassen des Armes und die anschließende Entspannungsphase über verschiedene Töne hinweg. Hier perfektioniert der Schüler die subtile „Ab-Auf“-Bewegung der Phrasierungs-Geste.

    (Technik- & Vortragsheft 4, S. 7)

 

  • Das Ende der Phrase: Auf Stufe 5 liegt der Fokus auf der künstlerischen Abrundung einer Phrase – siehe „Technik-Geheimnis“ Nr. 2. Die Handgelenks-Geste hilft dabei, das Gewicht von der Taste zu nehmen, um die Töne zum Ende einer Phrase hin weicher zu gestalten.

    (Technik- & Vortragsheft 5, S. 33)

 

(Technik- & Vortragsheft 2, S. 15)

Legato und das Handgelenk

Was erwarten wir von einem Schüler auf Stufe 2? Wünschenswert ist ein flexibles, entspanntes Handgelenk, das sich innerhalb der bestehenden Bewegungsspanne frei bewegen kann. Unbeabsichtigte Abwärtsbewegungen des Handgelenks sollten minimiert werden, da diese meistens zum Einknicken der Finger und zur Verspannung des Handgelenkes führen. Die Aufwärtsbewegungen hingegen („Luftballon am Handgelenk“) lösen eventuelle Anspannungen durch nachlassendes Gewicht auf der Taste. Das klingt komplizierter als es ist. Ermutigen Sie den Schüler, an verschiedenen Stellen des Stückes den Handgelenksschwung einzusetzen.

Es gibt zahlreiche Verwendungsmöglichkeiten des „Ballon am Handgelenk“ auch während des Spiels, nicht nur bei den Phrasenendungen. Das Abheben des Handgelenks ist außerordentlich wertvoll auch als vorbereitende Geste in einem Stück. Das sich aufwärts bewegende Handgelenk trägt die Hand in neue Lagen, sei es beim Überkreuzen der Hände, bei der Oktavverschiebung oder beim einfachen Lagenwechsel. Desweiteren verleiht sie gewünschte Grazie bei Schlussakkorden. Lang anzuhaltende Töne werden „lebendig“ durch ein Handgelenk, welches sich während der Tondauer langsam nach oben bewegt.

 

 

(Unterrichtsheft 2, S. 34)

Staccato und das Handgelenk

Einen Staccato-Klang kann man auf viele verschiedene Arten erzeugen. Die entsprechende Ausführung hängt immer vom musikalischen Zusammenhang ab. Auf Stufe 2 nennen wir das Handgelenksstaccato „Die leicht federnde Hand“. Diese Form des staccato wird im dritten „Technik-Geheimnis“ eingeführt. Der Schüler klopft einen „Specht-Rhythmus“ mit allen fünf Fingern und einer runden Hand auf den geschlossenen Klavierdeckel. Bei dieser Technik „tröpfelt“ die Hand von einem leicht erhöhten Handgelenk aus auf den Klavierdeckel. Eine schöne Übung, die eine Verbindung herstellt zu den Themen „Entspanntes Handgelenk“ und „Die Bewegungsspanne des Handgelenks“ auf Stufe 2.

Diese staccato-Technik passt perfekt zu den Ton- und Intervallwiederholungen, welche die Stücke dieser Stufe vorwiegend beinhalten.
Diese kleinen Sprünge der Hand führen nicht nur zur Entspannung des Hand-gelenks, sondern bieten auch die richtige Technik für das Spielen von weichen Begleit-akkorden. In Einheit 8 werden erstmals Akkorde vorgestellt. Anstelle lauter und klobiger Akkorde, welche die Melodie übertönen, spielt die linke Hand weiche staccato-Akkorde, die sich wohlklingend der Melodie anpassen. Akkorde stehen allerdings nur dort, wo ein Melodieton ausgehalten wird. Warum?

(Unterrichtsheft 2, S. 71)

Zusammenfassung

Die essentiellen Handgelenks-Gesten „Handgelenksschwung“ und „Leicht federnde Hand“ stammen von den Gegenspielern legato und staccato ab.
Diese Gesten bilden die technischen Grundlagen, auf denen eine erweiterte und verfeinerte Spieltechnik aufgebaut werden kann. Das Gestalten einer Phrase, die gefühlvolle Begleitung einer Melodiestimme sowie die Eleganz der „auslaufenden“ Phrase tragen zur künstlerischen Gestaltung des Stückes bei, welche bereits auf dieser Altersstufe ein wünschenswertes
Ziel darstellt.